Ernährungsindustrie wächst im Export

Die Ernährungsindustrie hat 2011 ein moderates reales Wachstum von 1,3 Prozent erreicht. Nach Berechnungen der Bundesvereinigung der Deutschen Ernährungsindustrie (BVE) erwirtschaftete die Branche einen Umsatz von 162,2 Milliarden Euro. Nominal legte der Branchenumsatz um 8,5 Prozent gegenüber dem Vorjahr zu. Der Zuwachs ging vor allem auf Preissteigerungen zurück, die durch höhere Rohstoff-, Energie-, Transport-, Verpackungs- und Personalkosten notwendig geworden waren. Impulse für das Wachstum kamen auch 2011 wieder aus dem Exportgeschäft. Der Auslandsumsatz der Ernährungsindustrie stieg nominal um 13 Prozent auf 48,5 Milliarden Euro an.

Große Sorge bereitet der Ernährungsindustrie die anhaltend schwierige Ertragslage. 2011 verteuerten sich die 13 wichtigsten Agrarrohstoffe um 19 Prozent, die Preise von Getreide und Ölsaaten erhöhten sich sogar um 41 Prozent. Auch Transport- und Energiekosten stiegen, Energierohstoffe verteuerten sich 2011 laut Hamburger Weltwirtschaftsinstitut um 25 Prozent, Rohöl sogar um 26 Prozent. Der Ertragsdruck mindert auch den Spielraum für Lohnanpassungen. In Verhandlungen mit Lebensmittelhandel konnte die Industrie keine ausreichenden Preisanpassungen erreichen, die Entwicklung der Verbraucherpreise hat dies verdeutlicht. 2011 verteuerten sich Lebensmittel für die Konsumenten moderat um 2,8 Prozent. In der Langzeitbetrachtung liegt die Teuerungsrate bei Lebensmitteln allerdings deutlich unter dem Anstieg der allgemeinen Lebenshaltungskosten.

Der harte Preiswettbewerb im deutschen Lebensmitteleinzelhandel sorgt dafür, dass die Hersteller Preiserhöhungen nicht in notwendigem Umfang durchsetzen können. „Das hat negative Folgen für die Investitions- und Innovationstätigkeit der Unternehmen“, so die BVE. „Bei aller Härte des Wettbewerbs, so muss dieser doch mit fairen Mitteln geführt werden.“ Im Rahmen der Novellierung des Gesetzes gegen Wettbewerbsbeschränkungen spricht sich die BVE daher für die Beibehaltung des geltenden kartellrechtlichen „Anzapfverbotes“ und des seit 2008 verschärften Verbotes des Verkaufs von Lebensmitteln unter Einstandspreis aus.

Die Konsumstimmung im Inland wird durch die stabile Arbeitsmarktlage wesentlich gestützt. Aber die konjunkturelle Abkühlung und die Unsicherheiten über die Lage an den europäischen Finanzmärkten dämpfen die Perspektiven der Ernährungsindustrie für 2012. Die BVE rechnet für 2012 mit einem moderaten Umsatzplus von nominal bis zu 4 Prozent. Die Preise für Lebensmittel müssten um 3 bis 4 Prozent steigen, um den angestauten Ertragsdruck in der Industrie zu mindern. Wie die Lebensmittelpreise sich 2012 wirklich entwickeln werden, hänge jedoch von vielen Faktoren ab.

Risiken gehen für die Ernährungsindustrie von der Rohstoffseite und der erwarteten Euro-Aufwertung aus. Laut einer BVE-Branchenumfrage erwarten 88 Prozent der Unternehmen 2012 höhere Rohstoffpreise. Aufgrund der von der Bundesregierung beschlossenen Energiewende gehen drei Viertel der Befragten auch von steigenden Energiepreisen aus. Die Preise für Agrarrohstoffe erreichten 2011 historische Höchststände und werden auch mittel- bis langfristig hoch bleiben, wie jüngste Prognosen der EU-Kommission zeigen. Der HWWI-Rohstoffpreisindex für Nahrungs- und Genussmittel lag 2011 um 23 Prozent über dem Wert von 2010. Ursache für die weltweit gestiegenen Preise sind die langfristig zunehmende Nachfrage nach Agrarprodukten durch eine wachsende Weltbevölkerung, neue Konsumgewohnheiten in Schwellenländern sowie Ernteschwankungen und die Verwendung von Agrarrohstoffen zur Energieerzeugung.

Rohstoffpreisvolatilität ist zunehmend zu einem Problem für die Ernährungsindustrie geworden. „Warentermingeschäfte sind daher ein wichtiges Absicherungsinstrument, das im Zuge der Überarbeitung der EU-Finanzmarktrichtlinie nicht beschnitten werden darf. Regulierungen der Börsen müssen einerseits Marktmissbrauch an den Derivatemärkten verhindern und andererseits Termingeschäfte als Absicherungsinstrument stärken“, so die BVE. „Das ist eine wichtige Voraussetzung für stabile Endverbraucherpreise.“

Chancen sieht die Ernährungsindustrie 2012 im Trend zu einem stärker qualitätsorientierten Einkauf. Fast die Hälfte der Deutschen gebe diesem Einkaufskriterium die wichtigste Priorität. 54 Prozent der Verbraucher schätzen die Qualität der Lebensmittel in Deutschland höher ein als im Ausland und 41 Prozent sind der Meinung, die Qualität habe sich in den letzten Jahren verbessert, wie eine GfK-BVE-Untersuchung zeigt.

Die Bedürfnisse der Konsumenten sind komplex und vielfältig. Aus zahlreichen großen und kleinen Trends ergeben sich Chancen für die Unternehmen. „Diese aufzuspüren und umzusetzen ist Aufgabe der Unternehmer, dafür sind Freiräume notwendig“, so die BVE. „Ein Immer-mehr an Regulierung und gesetzlichen Vorgaben macht diese Chancen zunichte, sorgt für Gleichmacherei. Dies gilt es auch in der Diskussion um zusätzliche Siegel wie dem von Bundesministerin Aigner verfolgten Regionalsiegel zu beachten.“ Regionalität sei für viele Konsumenten ein wichtiger Qualitätsaspekt, ein Siegel muss aber immer freiwillig bleiben.

In einem exklusiven Interview im minus 18 Jahresheft gibt BVE-Geschäftsführerin Dr. Sabine Eichner Auskunft über Trends und Entwicklungen speziell im Bereich Tiefkühlkost. Es erscheint am 6. Februar 2012.   Archivfoto: Jörg Rüdiger   (Jan. 2012 jr)   Quelle: BVE