Hitzige Debatte über nachhaltige Ernährung

Der Wissenschaftliche Beirat für Agrarpolitik, Ernährung und gesundheitlichen Verbraucherschutz (WBAE) hat sein Gutachten „Politik für eine nachhaltigere Ernährung“ an das Bundesministerium für Ernährung (BMEL) übergeben – und damit eine kontroverse Debatte ausgelöst. Der Beirat empfiehlt der Politik, Verbraucher bei einer nachhaltigeren Ernährung deutlich stärker als bisher zu unterstützen und „eingriffstiefere Instrumente wie beispielsweise Lenkungssteuern“ heranzuziehen. Große Portionsgrößen und hohe Werbeausgaben für ungesunde Lebensmittel sollten reduziert werden. Außerdem gelte es, „mehr gesundheitsfördernde, sozial-, umwelt- und tierwohlverträgliche Wahlmöglichkeiten zu bieten, ein Erkennen nachhaltigerer Varianten zu erleichtern, einen einfacheren Zugang zu Informationen zu ermöglichen und Preisanreize zu setzen, die es naheliegender machen, die nachhaltigere Wahl zu treffen“, so das Gutachten.

Bundesministerin Julia Klöckner (CDU) wertete das Papier als „Rückenwind für die Ernährungspolitik unseres Ministeriums“. Bei der gesunden Ernährung in allen Lebensphase unterstüze man die Verbraucher durch Information, klare Kennzeichnung oder die Reduktion von Salz, Zucker und Fett in Fertignahrungsmitteln. 

Kritik ernetet das Gutachten unter anderem vom Lebensmittelverband Deutschland. „Die Aussagen, dass die ‚individuelle Handlungskontrolle‘ des Verbrauchers überschätzt würde und der Staat stärker gestalten müsse, zeigen eine paternalistische Lenkungsvorstellung, die den Geist des Obrigkeitsstaates atmet“, sagt Hauptgeschäftsführer Christoph Minhoff. „Der Verbraucher soll hier von einem souveränen Bürger zum Objekt politischer Verhaltenssteuerung gemacht werden.“

Antje von Broock, Geschäftsführerin beim BUND sagte: „Lebensmittel brauchen staatliche, verbindliche Kennzeichnungen, die eindeutig, leicht verständlich und wissenschaftlich fundiert sind. Hier sehen wir Frau Klöckner in der Pflicht.” Das vom wissenschaftlichen Beirat vorgeschlagene Klima-Label könnte zu einer bewussteren Kaufentscheidung beitragen.

Radikal fiel die Kritik von Martin Rücker, Geschäftsführer der Verbraucherorganisation Foodwatch, aus: „Bei den Maßnahmen gegen Fehlernährung und Adipositas hinkt Deutschland der internationalen Entwicklung Lichtjahre hinterher. Die Ministerin leistet sich ein konsequentes Versagen beim Schutz von Kindern, indem sie nahezu ausschließlich freiwillige Deals gemeinsam mit einer zuckerabhängigen Lebensmittelindustrie vorbereitet.“

Der Bericht des Wissenschaftlichen Beirats für Agrarpolitik, Ernährung und gesundheitlichen Verbraucherschutz ist unter diesem Link abrufbar. Bild: BMEL/Mewes (August 2020)

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